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Martinschüler*innen trauen sich auf die Kanzel

Religionsleistungskurs der Martinschule predigte am 25. April 2021 im Dom zu Greifswald

Eröffnung des Gottesdienstes durch Pastorin Beate Kempf-Beyrich und Lektorin Johanna Hertzsch

„Wer kennt das nicht? Morgens muss ich selber mit dem Fahrrad durch den Regen zur Schule, während mein Nachbar mit seinem wunderschönen neuen Fünftürer trocken an mir vorbeifährt. Oder: Da bestellt meine Mitbewohnerin doch glatt zum dritten Mal diese Woche Essen, während ich darüber nachdenke, ob ich meine Nudeln mit Ketchup oder wieder mit derselben Soße von gestern esse. Oftmals resultieren aus solchen Erfahrungen unerwünschte Gefühlscocktails aus Frustration, Neid, oder gar Scham. Ein Kratzer an am eigenen Ego. Diese Gefühle sind so lästig wie beständig, und eben genauso natürlich! So natürlich, dass sie zum Menschen gehören wie die Liebe und das Glück. Wozu solch ein Kratzer an unserem Ego führen kann, und warum aus Neid Gewalt entstehen kann, wird durch die Geschichte von Kain und Abel in der Bibel erzählt…“

Raphael Rosenstock während seiner Predigt

Mit diesen Worten begann Raphael Rosenstock, Schüler des 11. Jahrgangs der Martinschule, seine Predigt am Sonntag, dem 25. April 2021 im Dom zu Greifswald. Zusammen mit seiner Mitschülerin Jola Herklotz beschäftigte er sich im Leistungskurs Religion mit der Frage der Relation von Gott und Mensch. Im Unterricht waren die beiden Schüler*innen viele Stunden lang auf den Wegen der biblischen Geschichten, die zu den Ursprungserzählungen der heiligen Schriften gehören, unterwegs. Was erzählen uns die Geschichten von der Schöpfung, dem Sündenfall, Kain und Abel, Abraham und Isaak und anderen der Bibel? Sind sie lediglich bloße Zeugnisse vergangener Zeiten, die einen interessanten Einblick in eine längst vergessene Welt geben? Oder lernen wir aus ihnen Grundlegendes des menschlichen Daseins? Beide Schüler*innen haben festgestellt: Die Texte sind brandaktuell.

Während Raphael sich mit dem menschlichen Gefühl des Neids auseinandersetzte, galt Jolas Interesse der Frage, inwiefern der Mensch von Gott eine Möglichkeit zur freien Entscheidung bekommen hat. Hatten Eva und Adam angesichts der Versuchung durch die Schlange überhaupt eine Chance, den Apfel abzulehnen? Weshalb hat Gott ihnen nicht die Kraft gegeben, dieser Versuchung zu widerstehen?

Jola fragte und überlegte in ihrer Predigt weiter: „ …Oder führt Gott sie wissentlich in Versuchung? Als Strafe für diesen Regelbruch werden sie verbannt. Durch ihre Tat verlieren sie ihr Zuhause, ihre Naivität und Leichtigkeit. Sie haben gehandelt und erfahren so die Konsequenz ihres Handelns. Sie haben sich ja eigentlich gemeinsam dazu entschieden, oder? Dann sind sie doch selbst Schuld. – So einfach ist das vielleicht nicht. Zählen nicht auch die äußeren Umstände in die Entscheidung hinein? Oder haben wir alles im Griff?“

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen

Seit dem Schuljahr 2020-21 kann man an der Martinschule das Fach evangelische Religion in der Oberstufe als Leistungskurs belegen. Damit bekommen die Schüler*innen für das Fach, das für unsere Schule -übrigens bisher die erste und einzige in ganz MV, die Religion als Leistungskurs anbietet – profilgebend und grundlegend ist, nun endlich den gebührenden zeitlichen Rahmen, in dem man sich intensiv und auch anspruchsvoll mit religiösen Fragen auseinanderzusetzen kann. Ziel eines jeden Unterrichts soll es sein, aus dem Klassenraum herauszugehen, neue Lernräume zu erschließen und für das Leben zu lernen. Das haben Jola Herklotz und Raphael Rosenstock im Rahmen ihres Leistungskurses Religion am 25. April 2021 sich getraut. Anfänglich war das nicht einfach. Aber es hat sich gelohnt: Nun konnten die Gottesdienstgänger*innen erleben, dass junge Menschen sich nicht nur tiefgründige Gedanken machen, sondern auch etwas zu sagen haben. Das war eine große Bereicherung sowohl für die Domgemeinde Greifswald als auch für die Schüler*innen. Jola und Raphael konnten erleben, dass ihre Gedanken auf großes Interesse stoßen, man ihnen im Dom gespannt zuhört. Die Resonanz der Zuhörer*innen ist tausend Mal wertvoller als jede Beurteilung durch eine Lehrkraft. Sie ist das wirkliche Leben. Sie ermöglicht einen echten Zuwachs an Erfahrung und Selbstbewusstsein.

Günstige pädagogische und institutionelle Rahmenbedingungen für das Lernen

Es ist nicht selbstverständlich, dass Schüler*innen so einfach „im echten Leben“ lernen können. Dazu braucht es gute Rahmenbedingungen. Diese werden zum einen durch das offene, christliche, reformpädagogische und inklusive Konzept der Martinschule geboten. Nunmehr seit zwei Jahren können auch die Schüler*innen der oberen Jahrgänge bis hin zum Abitur den meisten Unterricht im Block lernen. Sie haben viele Stunden ihres Unterrichts in zusammenhängenden Zeitblöcken und nicht in einzelnen Stunden im wöchentlichen Rhythmus. Dies ermöglicht den Schüler*innen auch in den oberen Jahrgängen ein freieres und selbstbestimmteres Arbeiten. Es erleichtert eine intensive Beschäftigung mit den Themen und freiere und lebensbezogenere Unterrichtsformate sind problemlos umzusetzen. So gelang es Jola und Raphael an mehreren Tagen hintereinander leichter, sich tiefgründig mit den biblischen Texten zu befassen und ihre Predigttexte vorzubereiten.

Zum anderen hat die Martinschule sowohl in ihrer Trägerin, der Johanna-Odebrecht-Stiftung, als auch in der Domgemeinde verlässliche Partnerinnen für ihre besonderen pädagogischen Vorhaben. Das Pastorenehepaar Beyrich und die ganze Domgemeinde stehen der Zusammenarbeit mit den Schüler*innen der Martinschule ausgesprochen offen gegenüber und unterstützen jede Bemühung mit großen Engagement. Das ist ein großes Glück.

Darja Grabow (eine Mitschülerin) trug für Jola, die leider in Quarantäne war, die Predigt vor, hier beim Fürbittengebet

Johanna Hertzsch

Martinschule

Religionslehrerin und Koordinatorin der Jahrgänge 9-12